Pressemitteilung - Entwicklungsmaßnahme Wasserturm / Pagode

In Hohen Neuendorf sollen rund um Wasserturm und Pagode um 1300 Wohneinheiten für bis zu 3100 Menschen entstehen. Dafür wird eine städtebauliche Wende um 180° vollzogen.

Bisher geltende und mehrheitlich akzeptierte Planungen für eine grüne Stadtmitte finden im Rahmen der so genannten »Entwicklungsmaßnahme« keinen Platz mehr. Um künftig mit auf den Planungsprozess einzuwirken, hat der Umweltverband Birkenwerder - Hohen Neuendorf am Mittwoch letzter Woche bei einem Treffen im »Restaurant Boddensee« gemeinsam mit dreißig Bürgern und Stadtverordneten verschiedener Parteien das »Forum Stadtentwicklung« gegründet.

Der Verein hat sich die bürgerschaftliche Förderung des Umweltschutzes und den Erhalt einer gesunden Lebensumgebung im Raum Birkenwerder - Hohen Neuendorf auf seine Fahnen geschrieben. Dazu gehört auch das Eintreten für rücksichtsvolle und intelligente Planung bei der Stadt- und Ortsentwicklung.

Wir wollen uns nicht vom Leitbild einer grünen Ortsmitte verabschieden«, sagt der Hohen Neuendorfer Dr. Karsten Poppe, der gemeinsam mit Peter Kleffmann aus Birkenwerder im Vorstand des Vereins sitzt. »Und wir sind uns sicher, dass viele Einwohner das genau so sehen.

Mit der jüngst präsentierten Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) sind die *Grundlagen der Stadtplanung* betroffen. Der Landschaftsraum in der Ortsmitte wird ersatzlos aufgegeben und eine kleinteilige offene Bauweise hin zu einem geschlossenen Stadtraum mit hoher Verdichtung ohne Landschaftsraum entwickelt. Durch ihre Klarstellungssatzung hat die Gemeinde jedoch das Entwicklungsgebiet als Außenbereich (§35 BauGB) festgelegt. Auch der FNP stellt nur einen geringen Teil der Flächen im Entwicklungsgebiet als Bauflächen dar. Ausgewiesen sind Flächen mit Maßnahmen zum Schutz, zur Pflege und Entwicklung von Boden, Natur und Landschaft (SPE).

Die Anwesenden waren sich einig: »Wenn Politik und Verwaltung die bisher geltenden und auch von der Bürgerschaft entwickelten Maßstäbe für die Stadtplanung in einem solchen Ausmaß verschieben, müssen die Bürger auch die Gelegenheit bekommen, sich zu äußern.« Die Bürgerschaft werde momentan aber nicht gefragt, sondern bestenfalls schlecht informiert. An einer Fortführung der guten Beteiligung aus den letzten Jahren sei Politik und Verwaltung offensichtlich nicht gelegen. Die Frage, wie stark Hohen Neuendorf wachsen und wie grün die Stadt bleiben soll, muss mit Beteiligung der Öffentlichkeit diskutiert und beschlossen werden. Der Umweltverband fordert deswegen eine breite und strukturierte Bürgerbeteiligung, in der die Einwohner über Grundzüge der städtischen Entwicklung (mit-)bestimmen können.

Wie wichtig eine Grundsatzdiskussion zum Wohnungsbau ist, sieht man auch daran, dass nur wenige Jahre nach einem Gestaltungswettbewerb für das Hohen Neuendorfer Stadtzentrum mit der Entwicklungsmaßnahme nun gänzlich neue Szenarien geschaffen werden, die im eigentlich schon bei der Planung für Wildbergplatz und Rathaus hätten berücksichtigt werden müssen.

Der Umweltverband spricht sich ausdrücklich für die Schaffung kleinteiligen und bezahlbaren Wohnraums aus. Die Befürchtung, dass durch Mehrfamilienhäuser ein neues Mahrzahn oder gar soziale Brennpunkte entstünden, teile man nicht. »Wir vermissen wie viele Bürgerinnen und Bürger, mit denen wir in letzter Zeit geredet haben, jedoch die Balance zwischen landschaftlich-ökologischen und städtebaulichen Aspekten der Planung«, stellt Dr. Hans-Joachim Guretzki vom Stadtverein fest. »Unter dem Deckmantel einer nachfrageorientierten Wohnungsbaupolitik werden innerstädtische Grün- und Freiflächen geopfert, Qualitäten, die für viele Bürger die Stadt erst lebens- und liebenswert machen«.

Die im Planungsgebiet vorgesehenen Grünflächen entsprechen gerade noch den notwendigen Vorgaben der Grünversorgung des Siedlungsbereiches. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Freiflächen bei der städtebaulichen Innenentwicklung sieht anders aus. »Im Sinne einer »doppelten Innenentwicklung« wäre es, Flächenreserven im Siedlungsbestand nicht nur baulich, sondern auch mit Blick auf urbanes Grün zu entwickeln«, meint Oliver Jirka, der als Vertreter für Bündnis 90/Die Grünen dem Treffen beiwohnte. Damit soll der innerstädtische Landschaftsraum vor weiterer Flächeninanspruchnahme und zusätzlichen baulichen Eingriffen geschützt und gleichzeitig der Siedlungsraum durch Maßnahmen der Freiraumentwicklung qualifiziert werden. Besonders in verdichteten Ballungsräumen ist urbanes Grün von hoher Bedeutung für die wohnortnahe Erholung der Menschen und hat wichtige ökologische Funktionen.

Hohen Neuendorf besitzt keine weiteren vergleichbaren Landschaftsräume im Siedlungsbereich. Zu den Wäldern, Wiesen, Feldern und Gewässern außerhalb des Siedlungsraumes im Briesetal, entlang der Havel und zur Feldflur in Stolpe bestehen Barrieren von Strassen- und Bahntrassen. Die ökologische Vernetzung dieser naturnahen Landschaftsräume mit den Freiflächen des Planungsgebietes und ihre Erreichbarkeit sind sehr wesentliche Qualitätskriterien für das urbane Hohen Neuendorf.

»Das Planungsgebiet ist in seiner Bedeutung für die ökologische Vernetzung und Anbindung der Landschaftsräume unersetzlich. Die Freiflächen des Planungsgebietes sind heute überwiegend Wald- und Ackerflächen und somit keine Brachflächen zur städtebaulichen Entwicklung. In ihrer ökologischen Bedeutung sind diese Flächen als naturnaher Lebensraum in der notwendigen Ausdehnung zu erhalten, für die Erholung nutzbar zu entwickeln und mit den äußeren Landschaftsräumen insbesondere durch Beseitigung der Barrieren im Bereich Erdmannstrasse und Bahnhof Hohen Neuendorf West zu vernetzen«, fordert der Landschaftsplaner Hans-Dieter Kabsch.

Die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme ist das schärfste Schwert, mit dem Kommunen die Ausweisung von Bauland vorantreiben können. Die Gemeinde verschafft sich ein Vorkaufsrecht und kann auch Grundstücksenteignungen ohne Bebauungsplan vornehmen. Dass jedoch ein kommunaler Wohnungsbedarf in der angenommenen Größenordnung vorhanden ist, darf mit Gründen bezweifelt werden (→ Infos zum Bedarf). Die Debatte um das mit heißer Nadel gestrickte Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) hat gezeigt, dass es momentan vorrangig um die zeitnahe Abschöpfung öffentlicher Fördermittel geht. Um den Bedarf an Einfamilienhäusern zu decken, müssen jedenfalls keine neuen Wohnbauflächen ausgewiesen werden. Das gleich gilt für Doppel- und Reihenhäuser. Mit den seitens der Stadt vorgelegten Zahlen kann die Erforderlichkeit der Entwicklungsmaßnahme keinesfalls begründet werden.

»Es kann auch nicht sein, dass die Ergebnisse aus den erfolgreichen Beteiligungsprozessen der vergangenen Jahre nun über den Haufen geworfen werden«, kritisiert Annette Jedwabski die Vorgehensweise der Stadt (→ Infos zum Landschaftsplan und Verkehrsentwicklungsplan). »Landschafts- und Verkehrsentwicklungsplan wurden von den Stadtverordneten gebilligt. Jetzt scheint ihnen völlig egal zu sein, dass sie damals für eine grüne Ortsmitte und eine behutsame Nachverdichtung gestimmt haben.«

Seit 2014 liegt der Stadt eine - im Anschluss an den Landschaftsplan in Autrag gegebene - Grobkonzeption für einen »Stadtpark am Wasserturm« vor. Sie wird bis jetzt unter Verschluss gehalten. Diese Studie muss im Stadtentwicklungsausschuss präsentiert werden«, fordert Dr. Karsten Poppe. »Es kann nicht sein, dass Einwohner, die sich jetzt für den Erhalt und Ausbau einer grünen Ortsmitte einsetzen als verantwortungslose Träumer diskreditiert werden. Vor nicht allzu langer Zeit hat die Stadt diese Pläne selbst verfolgt.«

Und ein durch 3000 neue Einwohner generiertes Verkehrsaufkommen betrifft natürlich auch die Nachbargemeinde, in der gerade ein Ideen- und Realisierungswettbewerb für die Ortsmitte läuft. »Planungen dieser Dimension können nur gemeinsam angegangen werden und die Bürger sind von Anfang an einzubeziehen«, fordert Peter Kleffmann.

Für das nächste Jahr ist ein öffentliches Forum geplant, auf dem Fragen zu Planungs- und Entwicklungsmaßnahmen in Hohen Neuendorf und Birkenwerder diskutiert werden sollen.

Die Anwesenden waren sich einig: »Wenn die politische Mehrheit die Bürger nicht beteiligen will, dann melden wir uns eben selbst zu Wort«.

Infos

.... zum Bedarf

Hohen Neuendorf will zu Recht den Wohnungsmarkt für die Einwohner der Stadt beleben. Dass jedoch ein Bedarf in der angenommenen Größenordnung vorhanden ist, darf mit Gründen bezweifelt werden. Mit den seitens der Stadt vorgelegten Zahlen kann die Erforderlichkeit der Entwicklungsmaßnahme jedenfalls nicht begründet werden.

Für das jüngst verabschiedete Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) wurde bis 2030 ein Bedarf von 1149 Wohneinheiten (WE) ermittelt, der durch 479 WE in Einfamilienhäusern und 675 WE in Mehrfamilienhäusner zu decken sei.

Fraglich ist, ob dieser Bedarf in Übereinstimmung mit den aktuell relevanten demografischen Prognosen ermittelt ist. Fest steht: Schon in dem Gebiet der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme nördlich der Bahn könnten mehr Wohnungen entstehen, als Hohen Neuendorf nach der eigenen Prognosen für alle Ortsteile bis 2030 eigentlich benötigt.

Darüber hinaus ist Wohnungsbau am Wildbergplatz und nördlich der Bahn in Bergfelde geplant. An der Friedrich-Naumann-Staße und auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses in der Niederheide will der Kreis Mehrfamilienhäuser bauen. An der Stolper Straße in Hohen Neuendorf entsteht ein neuer Wohnpark und südlich der Bahn werden in Bergfelde gerade Wohnungen fertiggestellt. In Pinnow liegen ebenfalls Potentialflächen, die für Investoren ihren Reiz haben.

Vor diesem Hintergrund sind die Dimensionen der Entwicklungsmaßnahme völlig überzogen.

In einer umfassenden Analyse der Baupotentiale wurde 2006 ermittelt, dass im Jahr 2025 bis zu 33500 Einwohner in der Stadt Hohen Neuendorf leben können, wobei diese Zahl nur durch die Bebauung von freien Grundstücken und Erholungsarealen erreicht werden kann. Bei gegenwärtig ca. 26.000 Einwohner hätte ein neues Quartier mit 3000 Einwohnern ein Wachstum von fast 12% zur Folge, und zwar *zusätzlich* zum dem Bevölkerungszuwachs, das sich ohnehin durch Bautätigkeit im Rahmen der jetzt geltenden Bauleitplanung vollzieht.

Zum Vergleich: Für Berlin wird im »Wohnatlas 2016« bis 2030 ein Bevölkerungswachstum von 4,74% und damit der stärkste Bevölkerungszuwachs unter allen deutschen Großstädten vorhergesagt.

Und wie sollen eigentlich der ländliche Raum und strukturschwache Regionen gestärkt werden, wenn der Speckgürtel immer weiter wächst?

.... zum Landschaftsplan

In seinem Leitbild plädiert der LP für die »Wertschätzung vorhandenen Grüns im Stadtraum« und die »symbolische Kraft einer grünen Mitte«.

  • Im Maßnahmekatalog wird der Erhalt der »Brach- und Waldflächen am Wasserturm«, der »Brachen südlich Wasserturmsiedlung (westlich Oranienburger Straße)« sowie der »Ruderal-, Waldflächen östlich der Himmelspagode« und und 'Am Dreieck' vorgesehen.
  • Gefordert wird der »Aufbau von gestuften Waldrändern bei beiden Wäldchen (Innen- und Außenränder)« und der »Umbau des Kiefernforstes an der Erdmannstraße zu einem Mischwaldbestand«.
  • Ein Stadtpark am Wasserturm soll als Erholungsraum entwickelt werden.
  • Es sollen »Vorschläge (zur) Rücknahme von geplanten Wohn- und Mischbauflächen westlich Oranienburger Straße« und im »Süden (Triftstraße)« gemacht werden, um die Parkanlage »maximal zu vergrößern«.

.... zum Verkehrsentwicklungsplan

Der Verkehrsentwicklungsplan (VEP) sieht - unter Berücksichtigung von demografischer Entwicklung, Motorisierung und Modal Split - keinen Bau neuer Straße vor. Im Einzelfall können Ausbaumaßnahmen an Knotenpunkten sinnvoll sein.

Diese Prognose ist u.a. darauf zurückzuführen, dass der VEP seine bedarfsorientierten Modelle im Rahmen der bisher akzeptieren Wachstumssperspektiven aus der »Studien Hagen« gebildet hat. Die Voruntersuchung zur Entwicklungsmaßnahme geht im Gegensatz dazu von einem Bedarf aus, der in diesem Maß in der kommunalen Fachplanung bis dato unbekannt ist und die bisher geltende Strategie behutsamer Nachverdichtung außer Acht lässt.

Kommentare

Datenschutzhinweise: Die E-Mailadresse wird an den Dienst Gravatar (von Auttomatic) gesendet, um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen. Die E-Mail-Adresse wird niemals veröffentlicht.

Kommentar schreiben

Kommentare

  • Christian Dirk Ludwig

    Geschrieben von Christian Dirk Ludwig am 26.06. 2018 15:29

    Hier wird wie üblich in Hohen Neuendorf grössen wahnsinnig ohne Sinn und Verstand geplant.Rechtswidrig wurden den Grundstückseigentümern 250 m2 jeweils als Landgrabbing von der Kommune gestohlen.Gesunde Bäume zu kranken erklärt.Bei den Abrechnungen betrogen dass die Heide wackelt.Hinten wurde die Summter Str. extra so herangeführt.Die Leuschnerstr. hat nur einen einseitigen Geh-und Radweg, damit ist alles was in der Summter Str. ohne Bürgerbeteiligung gebaut wurde rechtswidriger Schwachsinn!

Zuletzt aktualisiert am 20. November 2017